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Woanders is auch Scheisse - Das Ruhrgebiet in den 1980er Jahren - Fotografiert von Reinhard Krause

Vielen Dank für die Bildunterschriften an Wilfried Bienek: ° B I E N T E X T E R, www.texter.net

Ich bin Reinhard Krause, geboren 1959 in Essen, wo ich 30 Jahre gelebt habe. 12 Jahre lang habe ich im Ruhrgebiet fotografiert, Fotografie studiert und als Fotograf meinen Lebensunterhalt bestritten. Eine Auswahl meiner Bilder aus dieser Zeit findet man hier auf der Webseite und in dem 2017 erschienenen Buch "Woanders is auch Scheisse" im Emons Verlag. 1989 habe ich das Ruhrgebiet verlassen, um für die Nachrichtenagentur Reuters als Fotograf und Fotoredakteur zu arbeiten. Erst in Bonn, Dresden, Hamburg und Berlin, dann im Ausland in Jerusalem, Peking, Neu-Delhi und zuletzt in London. 2016 bin ich wieder nach Berlin zurückgekehrt. Meine Negative aus der Ruhrgebietszeit sind nun wieder in Essen und haben im Fotoarchiv des Ruhr Museums eine neue Heimat gefunden.

   Der Künstler als junger Dachs. Einfach vor der Wand geschossen im 30-Quadratmeter-Appartement in Essen-Frohnhausen. Und schon was für die Ewigkeit getan!

Der Künstler als junger Dachs. Einfach vor der Wand geschossen im 30-Quadratmeter-Appartement in Essen-Frohnhausen. Und schon was für die Ewigkeit getan!

Meine Eltern hatten mir 1978, da war ich 19, eine Kamera geschenkt und damit bin ich dann losgezogen.

Da waren dann die ersten Versuche, Fußstapfen im Schnee und so was. Die Filme habe ich bei meinen Eltern im Badezimmer entwickelt und in der Dunkelkammer des Jugendzentrums in Essen-Holsterhausen vergrößert.

Einige dieser sehr frühen Aufnahmen sind immer noch meine Lieblingsfotos. Das mit dem Jungen am Bahnhof, der als Indianer verkleidet ist, ich habe es erst vor kurzem wiederentdeckt. Damals fand ich gar nichts daran.

  Hauptbahnhof Essen 1978. Wilder Westen in der Innenstadt. Nach dem Rosenmontagszug wartet Häuptling »Ohne Pferd« auf die Union Pacific nach Frohnhausen. Kommt später und also er auch? Heute verzeiht ihm Mama.

Hauptbahnhof Essen 1978. Wilder Westen in der Innenstadt. Nach dem Rosenmontagszug wartet Häuptling »Ohne Pferd« auf die Union Pacific nach Frohnhausen. Kommt später und also er auch? Heute verzeiht ihm Mama.

Dann die Jungs, die in den verlassenen Häusern der Altenhof Siedlung für ein Bild posieren. Auf die Idee, diesen Abriss systematisch zu dokumentieren, kam ich damals noch gar nicht, aber vielleicht ist das Bild noch authentischer weil ich so unbedarft war.

  Ein Haus in der Kruppsiedlung Altenhof I in Essen- Rüttenscheid 1978. Jugendliche spielen in Ruinen wie schon ihre Eltern. Der Abriss-Bagger ist bereits am Werk, schafft Platz für einen Krankenhausneubau.

Ein Haus in der Kruppsiedlung Altenhof I in Essen- Rüttenscheid 1978. Jugendliche spielen in Ruinen wie schon ihre Eltern. Der Abriss-Bagger ist bereits am Werk, schafft Platz für einen Krankenhausneubau.

Eine Ausstellungsbesucherin in der Villa Hügel in Essen

   Von Picasso bis Liechtenstein 1979. Ausstellung in der Villa Hügel in Essen. Wie so oft kommen auch die Besucher in eigenen, anspruchsvollen Kreationen, die dem Rang des Hauses entsprechen.

Von Picasso bis Liechtenstein 1979. Ausstellung in der Villa Hügel in Essen. Wie so oft kommen auch die Besucher in eigenen, anspruchsvollen Kreationen, die dem Rang des Hauses entsprechen.

Dann das Bild eines Arbeiters vor der Schicht bei Krupp. Dort arbeitete ich als Anschläger in der Härterei, vermittelt durch eine Zeitarbeitsfirma, und dort hatte ich meinen Fotoapparat eingeschmuggelt. Es wurde in der Ausstellung „Wie lebt man im Ruhrgebiet“, im Essener Folkwang Museum gezeigt und im Katalog abgedruckt, und ist das erste Foto, das von mir veröffentlicht wurde.

  Kruppianer vor der Schicht 1979. Die Arbeiter erhielten ihr »Rundum-Sorglos-Paket« aus Krupp`schen Siedlungen, Krankenhäusern, Krupp`schem Konsum. Bis die Sorgen kamen und Werke geschlossen wurden. Da war, wie man hier sagt, »Schicht im Schacht«.

Kruppianer vor der Schicht 1979. Die Arbeiter erhielten ihr »Rundum-Sorglos-Paket« aus Krupp`schen Siedlungen, Krankenhäusern, Krupp`schem Konsum. Bis die Sorgen kamen und Werke geschlossen wurden. Da war, wie man hier sagt, »Schicht im Schacht«.

Das war natürlich ein toller Erfolg. Leider hat es dann einige Jahre gedauert, bis ich wieder ein Bild veröffentlichen konnte. Trotzdem entstand die Idee, das zum Beruf zu machen, und als ich nach dem Abitur recht orientierungslos war, Fotografie zu studieren. Die Aufnahmeprüfung an der Folkwangschule in Essen hatte ich beim ersten Mal nicht geschafft. Das hat mich aber motiviert und ich wurde immer ehrgeiziger.

Ich habe dann an das Bild von Krupp angeknüpft und Porträts von Arbeitern gemacht. z.B. den Arbeiter in der Ätzerei in der Druckerei Giradet der im Schutzanzug posiert.

   Ätzender Job in der Essener Druckerei Girardet 1979. Hier in Rüttenscheid wurden erst die Druckplatten geätztund dann der »Playboy«, »Micky Maus«, »Das Beste«, »Quick« und mehr gedruckt. Bis zur Insolvenz 1988.

Ätzender Job in der Essener Druckerei Girardet 1979. Hier in Rüttenscheid wurden erst die Druckplatten geätztund dann der »Playboy«, »Micky Maus«, »Das Beste«, »Quick« und mehr gedruckt. Bis zur Insolvenz 1988.

Mit dieser Serie wurde ich in Dortmund an der Fachhochschule bei Professor Pan Walther angenommen. Da saßen bei der ersten Vorlesung ca. 100 Studenten und Pan Walther sagte: „Was wollt ihr nur alle hier? Soviel Fotografen braucht doch keiner. “

Er schickte uns dann zum Wochenmarkt vor der Schule, um zu fotografieren. Ich hatte die Idee dort ganz früh am Morgen zu sein und war tatsächlich der Erste vor Ort. Hier sind einige sehr schöne Bilder entstanden. Ein bisschen später waren auf dem Markt mehr Studenten mit Kameras als Kunden.

  Markt in Dortmund-Dorstfeld 1982. Der Eiermann garantiert für Frische. denn die Hühner haben gelegt wie junge Götter. Auch das Wetter ist frisch, der Tag gerade geschlüpft.

Markt in Dortmund-Dorstfeld 1982. Der Eiermann garantiert für Frische. denn die Hühner haben gelegt wie junge Götter. Auch das Wetter ist frisch, der Tag gerade geschlüpft.

  Die Eier sind gekauft. Was reden die Damen, was denkt das Kind, was riecht der Hund am rechten Bein der arbeitenden Bevölkerung? Jeder redet über Preise, keiner über Marktwirtschaft.

Die Eier sind gekauft. Was reden die Damen, was denkt das Kind, was riecht der Hund am rechten Bein der arbeitenden Bevölkerung? Jeder redet über Preise, keiner über Marktwirtschaft.

Zum Studium hatte ich ein sehr gespaltenes Verhältnis. Ich wollte ja fotografieren und beim Studium wurde mehr über Fotografie geredet als eigentlich produziert.

So verzichtete ich nach dem Grundstudium auf Anwesenheit und setzte mir meine Themen selbst.

Ich ging ins Schwimmbad.

Dort, im Essener Grugabad, machte ich dieses Bild. Eine Frau hat mir dazu vor kurzem geschrieben, dies sei ihr ehemaliger Lebensgefährte, der leider schon verstorben ist und bat mich, ihr einen Abzug zu schicken, weil sonst kein Bild existiert.

  So schön kann doch kein Mann sein? Doch, geht! Adonis 1982 im Grugabad in Essen. Wetten, dass die Jungs auf der Rutsche so sein wollen, wenn sie groß sind?

So schön kann doch kein Mann sein? Doch, geht! Adonis 1982 im Grugabad in Essen. Wetten, dass die Jungs auf der Rutsche so sein wollen, wenn sie groß sind?

Ich besuchte den Traumlandpark in Bottrop-Kirchhellen der ein beliebtes Ausflugsziel war.

   Im Traumlandpark in Bottrop-Kirchhellen 1985. Da wurden Männer wieder jung. Kein Wunder: ein begehbares Herz, eine Dinosaurier-Abteilung, Star Doubles – ein Programm, ganz nah an Hollywood.

Im Traumlandpark in Bottrop-Kirchhellen 1985. Da wurden Männer wieder jung. Kein Wunder: ein begehbares Herz, eine Dinosaurier-Abteilung, Star Doubles – ein Programm, ganz nah an Hollywood.

Ich habe das Jubiläum eines Möbelhauses fotografiert, bei dem der Höhepunkt ein Stuntman mit einem Raketenrucksack war.

  Ziemlich abgehoben in Essen-Steele 1984. Ein Stuntman mit Raketen-Rucksack fliegt ein. Ein großes Möbelhaus feiert sich selbst. Und signalisiert: Hier kannst du kaufen und trotzdem große Sprünge machen.

Ziemlich abgehoben in Essen-Steele 1984. Ein Stuntman mit Raketen-Rucksack fliegt ein. Ein großes Möbelhaus feiert sich selbst. Und signalisiert: Hier kannst du kaufen und trotzdem große Sprünge machen.

Ich war beim Rosenmontagszug,

  Hier darf man sich, ohne belächelt zu werden, selbst auf ein Podest stellen. In Essen-Rüttenscheid zu Karneval 1982 ist alles erlaubt, außer Langeweile.

Hier darf man sich, ohne belächelt zu werden, selbst auf ein Podest stellen. In Essen-Rüttenscheid zu Karneval 1982 ist alles erlaubt, außer Langeweile.

 beim Vatertag im Revierpark,

  Männerballett beim Vatertag im Revierpark Vonderort 1986. Das Motto "Heute feiert alle Welt - Vatertag in Osterfeld". Schöner sind da nur die Beine von Dolores.

Männerballett beim Vatertag im Revierpark Vonderort 1986. Das Motto "Heute feiert alle Welt - Vatertag in Osterfeld". Schöner sind da nur die Beine von Dolores.

und dann wieder im Schwimmbad.

   An der Ruhr in Essen-Werden 1983. Das alljährliche Pfingst-Open-Air, bis heute die Mutter der Essener Open-Air-Konzerte. Eintritt frei, Auftritte super. Auf dem Foto ringt man – um Fassung?

An der Ruhr in Essen-Werden 1983. Das alljährliche Pfingst-Open-Air, bis heute die Mutter der Essener Open-Air-Konzerte. Eintritt frei, Auftritte super. Auf dem Foto ringt man – um Fassung?

Inzwischen hatte ich angefangen, immer eine Kamera dabei zu haben und alles zu fotografieren. Gerade diese Alltagssituationen finde ich heute so interessant.

Die Frau mit Persil Paketen,

  1982. Essen-Rüttenscheid bietet Persil im Sonderangebot. Gerade im Ruhrgebiet ist Sauberkeit Trumpf. Weil es immer noch Leute gibt, die glauben, hier käme man mit einem Brikett im Mund zur Welt.

1982. Essen-Rüttenscheid bietet Persil im Sonderangebot. Gerade im Ruhrgebiet ist Sauberkeit Trumpf. Weil es immer noch Leute gibt, die glauben, hier käme man mit einem Brikett im Mund zur Welt.

die Frauen bei Woolworth

  Woolworth in Essen-Frohnhausen 1982. Preiswert, nie billig. Die Qual der Wahl. Hastig von Angebot zu Angebot. Frau Nachbarin, wie finden Sie das? Meinem Mann hat`s gefallen. Soso!

Woolworth in Essen-Frohnhausen 1982. Preiswert, nie billig. Die Qual der Wahl. Hastig von Angebot zu Angebot. Frau Nachbarin, wie finden Sie das? Meinem Mann hat`s gefallen. Soso!

oder bei coop mit Klappfahrrädern im Angebot.

  1984. coop in Essen-Altenessen, morgens. Der Käuferansturm hält sich in Grenzen. Und das trotz der Klappräder zum sensationellen Preis. Chef, jetzt nicht am Rad drehen: Ab mittags klappt das!

1984. coop in Essen-Altenessen, morgens. Der Käuferansturm hält sich in Grenzen. Und das trotz der Klappräder zum sensationellen Preis. Chef, jetzt nicht am Rad drehen: Ab mittags klappt das!

Auf dem Weg zur Kasse,

  Supermarkt in Duisburg 1985. Neu in Supermärkten: Riesige Einkaufswagen, viel zu groß für die Geldbeutel nicht nur der Rentner, verstopfen die Gänge beim Discounter.

Supermarkt in Duisburg 1985. Neu in Supermärkten: Riesige Einkaufswagen, viel zu groß für die Geldbeutel nicht nur der Rentner, verstopfen die Gänge beim Discounter.

Weil ich selbst kein Auto hatte, waren Menschen im Nahverkehr immer ein Thema.

An der Haltestelle,

   Regen bringt Segen? Hier scheint man geteilter Meinung zu sein. Der Wind heult, gleich wird er einen Schirm abknicken. Der ist von Woolworth – das lässt sich verschmerzen.

Regen bringt Segen? Hier scheint man geteilter Meinung zu sein. Der Wind heult, gleich wird er einen Schirm abknicken. Der ist von Woolworth – das lässt sich verschmerzen.

oder in der Straßenbahn wo ich diesen Fahrgast um fünf Uhr auf dem Weg zur Schicht fotografiert habe. Jemand hat darin seinen Großvater wiedererkannt, das Foto ausgedruckt und für die Großmutter gerahmt, denn der Großvater lebt nicht mehr. Sie haben mir geschrieben: “Sie haben eine alte Frau sehr glücklich gemacht.“

  Die erste Bahn am Morgen. Frühschicht. Sehr früh! Als Trost: Noch Ruhe vor dem Ansturm, und wer früh anfängt, hat mehr vom Tag.

Die erste Bahn am Morgen. Frühschicht. Sehr früh! Als Trost: Noch Ruhe vor dem Ansturm, und wer früh anfängt, hat mehr vom Tag.

Ich hatte natürlich auch immer einen Blick auf die Altersgenossen wie hier in der Essener Innenstadt,

  Showdown an der Lichtburg, Essen Innenstadt 1981.Die glorreichen Drei erobern die »Kettwiger«. Sehen und gesehen werden. Take a walk on the wild side! Essens Kettwiger Straße. Sagen wir mal: halb so wild!

Showdown an der Lichtburg, Essen Innenstadt 1981.Die glorreichen Drei erobern die »Kettwiger«. Sehen und gesehen werden. Take a walk on the wild side! Essens Kettwiger Straße. Sagen wir mal: halb so wild!

auf der Kirmes,

   Cranger Kirmes 1984. Im Strassendress, im Blaumann oder top modern:  Jeder findet genau “seinen” Spaß.  Hilft es da, die Hände fest an die Taschen zu klammern, weil das Geld so locker sitzt? Wo doch das Gebotene zu mehr Ausgaben verführt als geboten erscheint.

Cranger Kirmes 1984. Im Strassendress, im Blaumann oder top modern:  Jeder findet genau “seinen” Spaß.  Hilft es da, die Hände fest an die Taschen zu klammern, weil das Geld so locker sitzt? Wo doch das Gebotene zu mehr Ausgaben verführt als geboten erscheint.

beim Open-Air Konzert,

   Open-Air-Konzert in Gelsenkirchen 1988. Besonders beliebt, wenn auch der Eintritt frei ist. Typisch: Kein Dach über dem Kopf, aber den blauen Himmel an der Ruhr genießen. Schöne Aussichten!

Open-Air-Konzert in Gelsenkirchen 1988. Besonders beliebt, wenn auch der Eintritt frei ist. Typisch: Kein Dach über dem Kopf, aber den blauen Himmel an der Ruhr genießen. Schöne Aussichten!

und beim Punk im Jugendzentrum.

   Punks im Jugendzentrum Papestraße in Essen-Holsterhausen 1985. Ob ihre Eltern ihnen erzählt haben, dass 1968 hier Frank Zappa auftrat und mit seinen »Mothers« keine einzige Convention gebrochen hat? Damals hätte man Punks »Gammler« genannt.

Punks im Jugendzentrum Papestraße in Essen-Holsterhausen 1985. Ob ihre Eltern ihnen erzählt haben, dass 1968 hier Frank Zappa auftrat und mit seinen »Mothers« keine einzige Convention gebrochen hat? Damals hätte man Punks »Gammler« genannt.

Manchmal hatte ich tatsächlich Glück, meine Kamera bereit, und etwas Unerwartetes passierte.

Ein rüstiger Rentner auf Rollschuhen am Revierpark neben rostiger Kohlenlore,

  Keiner fährt so Rollschuh wie Opa. Nur Segeln ist schöner. 1982 in Oberhausen-Osterfeld am Revierpark Vonderort bringt man sich, dank nahtlosem Grün, ins Gleichgewicht.

Keiner fährt so Rollschuh wie Opa. Nur Segeln ist schöner. 1982 in Oberhausen-Osterfeld am Revierpark Vonderort bringt man sich, dank nahtlosem Grün, ins Gleichgewicht.

am Bierbrunnen auf dem Essener Kennedyplatz,

  1982. Prügelei auf dem Kennedyplatz in Essen. Der Bierbrunnen sprudelt, die Volksseele kocht. Sogar die Getränkeverkäuferin mischt mit. Man hat sich in den Haaren. Frieden? Erstmal klären, was Sache ist.

1982. Prügelei auf dem Kennedyplatz in Essen. Der Bierbrunnen sprudelt, die Volksseele kocht. Sogar die Getränkeverkäuferin mischt mit. Man hat sich in den Haaren. Frieden? Erstmal klären, was Sache ist.

oder direkt vor der Haustür ein ausgelassener Polterabend.

  Das Ghetto probt den Aufstand? Nein, alles nur aus “Spaß an der Freud”: Polterabend in Essen – Frohnhausen 1986. Die Gäste toben sich so richtig aus , das Paar muss es auffegen. Vielleichts gibts auch ein neues Auto von den Schwiegereltern?

Das Ghetto probt den Aufstand? Nein, alles nur aus “Spaß an der Freud”: Polterabend in Essen – Frohnhausen 1986. Die Gäste toben sich so richtig aus , das Paar muss es auffegen. Vielleichts gibts auch ein neues Auto von den Schwiegereltern?

Da, wo ich die meiste Zeit verbracht habe, habe ich fast am wenigstens fotografiert. Zu dieser Zeit war ich viel in der Jugendkneipenszene unterwegs und habe mich sehr für Musik interessiert.

Ich war in Studentenkneipen wie im “Regenbogen”,

  1982. Studenten und alternative Szene trafen sich im »Regenbogen«, nahe der Essener Uni. Dazu gab es Info- und Musikveranstaltungen im hinteren Teil. Und das »Regenbogen-Cafe« mit Schnullis Alfalfa-Broten.

1982. Studenten und alternative Szene trafen sich im »Regenbogen«, nahe der Essener Uni. Dazu gab es Info- und Musikveranstaltungen im hinteren Teil. Und das »Regenbogen-Cafe« mit Schnullis Alfalfa-Broten.

und unvergessen in Essen, der Klassiker "Sigis Kalei"

  1986. Sigis Kalei, gegenüber dem Hauptbad in Essen. Wo man sich traf und damit die, die man für Seinesgleichen hielt. Platten und Sorgen werden heruntergespielt, letztere, indem man sie hinunterspült.

1986. Sigis Kalei, gegenüber dem Hauptbad in Essen. Wo man sich traf und damit die, die man für Seinesgleichen hielt. Platten und Sorgen werden heruntergespielt, letztere, indem man sie hinunterspült.

  Tanzen, was die Sohle hält. Trinken, was die Leber stählt. Ein Platz für Pärchen und solche, die es werden wollen.

Tanzen, was die Sohle hält. Trinken, was die Leber stählt. Ein Platz für Pärchen und solche, die es werden wollen.

Ich war viel in der Musikzene unterwegs und interessierte mich für alle Richtungen. Hier bei der Bandprobe mit Tom Mega. Ein sehr guter Freund spielt da die Gitarre.

  1982 im Proberaum. Tom Mega, alias Tom Meger, verstorben 2009, war Kult im Ruhrgebiet. Seine Alben »Backyards of pleasure« (1988) und »Love lies from Central Europe« (1989) gelten unter Kennern als Meilensteine.

1982 im Proberaum. Tom Mega, alias Tom Meger, verstorben 2009, war Kult im Ruhrgebiet. Seine Alben »Backyards of pleasure« (1988) und »Love lies from Central Europe« (1989) gelten unter Kennern als Meilensteine.

Und auch die Cover Band,

   Noch hält sich frenetischer Beifall in Grenzen: Auftritt einer Schlagerband in Essen-Steele 1984. Sommerzeit. Schlager, mit »Sch« wie Schmusen sind angesagt.  Schnelleres hatte man auch »auf der Pfanne«.

Noch hält sich frenetischer Beifall in Grenzen: Auftritt einer Schlagerband in Essen-Steele 1984. Sommerzeit. Schlager, mit »Sch« wie Schmusen sind angesagt.  Schnelleres hatte man auch »auf der Pfanne«.

und welche die man noch entdecken musste,

   Das Technische Hilfswerk feiert in Duisburg 1983. Ein musikalischer Logistik-Trupp rettet aus möglicher Eintönigkeit. Die Gitarre »gently weeps«, ein wenig kopflos.

Das Technische Hilfswerk feiert in Duisburg 1983. Ein musikalischer Logistik-Trupp rettet aus möglicher Eintönigkeit. Die Gitarre »gently weeps«, ein wenig kopflos.

die Breakdancer in der Innenstadt,

   Breakdancer in der Essener City 1985. Im Jahr 1969 war das ur-amerikanisch und hieß »B-Boying«. Die Anfänge waren noch sehr kriminell. Diese innerstädtische Vorstellung fand das Publikum »kriminell gut«.

Breakdancer in der Essener City 1985. Im Jahr 1969 war das ur-amerikanisch und hieß »B-Boying«. Die Anfänge waren noch sehr kriminell. Diese innerstädtische Vorstellung fand das Publikum »kriminell gut«.

die Tänzer in der Grossraumdisco,

   1985. Barfuß oder Lackschuh? Vor-Tänzerin bei der Eröffnung der Essener Großdisko »Pink Palace« in einer ehemaligen Krupp Werkshalle. Sieht aus wie Kampfkunst, ist aber hohe Disko-Schule.

1985. Barfuß oder Lackschuh? Vor-Tänzerin bei der Eröffnung der Essener Großdisko »Pink Palace« in einer ehemaligen Krupp Werkshalle. Sieht aus wie Kampfkunst, ist aber hohe Disko-Schule.

und beim Ball im Saalbau.

  Ball im Saalbau in Essen 1983. Die Besserverdienenden bitten zum Tanz. Jeder zeigt, was er hat und einige zeigen, wen sie haben wollen. Kein Abzappeln, alles nach Regeln. Hier gebietet dem Kultivierten die Tanzschulkultur.

Ball im Saalbau in Essen 1983. Die Besserverdienenden bitten zum Tanz. Jeder zeigt, was er hat und einige zeigen, wen sie haben wollen. Kein Abzappeln, alles nach Regeln. Hier gebietet dem Kultivierten die Tanzschulkultur.

Ich habe zu dieser Zeit das Ruhrgebiet wie ein Fremder entdeckt. Ich bin losgezogen auf Entdeckungsreise ohne Ziel.

Die gängigen Ruhrgebiets Klischees habe ich dabei fast ignoriert. Natürlich habe ich auch Bilder von Industrielandschaften gemacht,

  Fußball ist unser Leben. Hier 1985 in Duisburg-Bruckhausen. Vorne das Häuschen, links der Wagen und dahinter die Siedlung. Über allem thronend die Thyssen Hochöfen. Das Ruhrgebiet der Achtziger in einem Bild.

Fußball ist unser Leben. Hier 1985 in Duisburg-Bruckhausen. Vorne das Häuschen, links der Wagen und dahinter die Siedlung. Über allem thronend die Thyssen Hochöfen. Das Ruhrgebiet der Achtziger in einem Bild.

und in der Eckkneipe.

  1984. Den Kneipen in Essen-Karnap geht das Publikum nicht aus. Denn selten verlässt der Ur-Karnaper seinen Stadtteil nach Feierabend. Hauptsache, noch was geht nicht aus: das Bier.

1984. Den Kneipen in Essen-Karnap geht das Publikum nicht aus. Denn selten verlässt der Ur-Karnaper seinen Stadtteil nach Feierabend. Hauptsache, noch was geht nicht aus: das Bier.

aber dort wo ich hauptsächlich unterwegs war, gab es die gängigen Klischees gar nicht so häufig.

Da bestimmten das Bild eher die geparkten Autos vor dem Supermarkt,

  Edles Mobil auf der Rüttenscheider Straße in Essen. Bis zum Juni 1986 fährt hier noch die Straßenbahn. Heute zockelt man an Sommertagen gerne über die »Rue« – meist in Cabrios, die noch der Bank gehören.

Edles Mobil auf der Rüttenscheider Straße in Essen. Bis zum Juni 1986 fährt hier noch die Straßenbahn. Heute zockelt man an Sommertagen gerne über die »Rue« – meist in Cabrios, die noch der Bank gehören.

und die Autowäsche am Samstag.

  Selbst wäscht die Frau, und der Mann schaut zu – hier in Essen-Frohnhausen 1985. Alles andere als sauber waren damals die Motoren. Das Auto aber war Familienmitglied und »badete« wie jedes andere gerne samstags.

Selbst wäscht die Frau, und der Mann schaut zu – hier in Essen-Frohnhausen 1985. Alles andere als sauber waren damals die Motoren. Das Auto aber war Familienmitglied und »badete« wie jedes andere gerne samstags.

Meine Welt war näher an der Lärmschutzwand,

   Einkehren kann man nie oft genug. Auch neben der Lärmschutzmauer des Emscherschnellwegs in Herne-Wanne, oder besser: in Wanne-Eickel 1984. Was sonst eher Missvergnügen auslöst, wird hier gepflegt: Überstunden.

Einkehren kann man nie oft genug. Auch neben der Lärmschutzmauer des Emscherschnellwegs in Herne-Wanne, oder besser: in Wanne-Eickel 1984. Was sonst eher Missvergnügen auslöst, wird hier gepflegt: Überstunden.

und dem Einkaufszentrum.

   Mülheim, Einkaufszentrum City Center am Hauptbahnhof 1987. Betonierte Konsumfreiheit. Bunt sind nur die Waren und fürs Auge erfreulich. Die Scheine in der Kasse klingeln und läuten so den Alltag ein.

Mülheim, Einkaufszentrum City Center am Hauptbahnhof 1987. Betonierte Konsumfreiheit. Bunt sind nur die Waren und fürs Auge erfreulich. Die Scheine in der Kasse klingeln und läuten so den Alltag ein.

Man darf nicht vergessen: Fotografieren war damals sehr teuer. Mal abgesehen von den Kameras – alleine die Verbrauchsmaterialien wie Filme, Entwickler und Fotopapier kosteten sehr viel Geld. Irgendwann habe ich festgestellt, dass es mit Nebenjobs allein nicht der richtige Weg war. Metallteile bohren, entgraten und entölen, Akten vernichten und Antiquitäten in Auktionshäuser schleppen, reichte nicht, um damit die Fotografie zu finanzieren. Das war mir klar und ich hatte mich dann tatsächlich entschieden, dass ich nur weitermachen konnte, wenn ich auch mit Fotografie Geld verdienen würde.

Mit viel Glück wurde ich Fotograf in der Pressestelle der Messe Essen. Das war Gebrauchsfotografie der untersten Kategorie, aber auch eine harte Schule und vielleicht die wichtigste, um zu erkennen, was es heißt professionell zu fotografieren.

Nicht viel Material aus dieser Zeit ist übrig geblieben, aber dieses Bild einer Modenschau mit orthopädischer Unterwäsche gefällt mir doch sehr.

  Modenschau für orthopädische Unterwäsche in der Messe Essen 1986. Sicher fällt es den Models nicht leicht, Hüft, Fuß- und andere Beschwerden – der Authentizität wegen – zu simulieren.

Modenschau für orthopädische Unterwäsche in der Messe Essen 1986. Sicher fällt es den Models nicht leicht, Hüft, Fuß- und andere Beschwerden – der Authentizität wegen – zu simulieren.

Ich habe danach dann frei gearbeitet. Ich habe Illustrationsfotos gemacht und an Zeitungen oder Magazine, taz, Zeit, Spiegel und Stern geschickt und darauf gehofft, dass etwas gegen Honorar veröffenlicht wurde.

  Ein Gardinengeschäft in Duisburg zeigt 1984, was es kann. Da wird aus der tristen Hauswand ein kleines Theater, wo immer nur »Gardine« gespielt wird.

Ein Gardinengeschäft in Duisburg zeigt 1984, was es kann. Da wird aus der tristen Hauswand ein kleines Theater, wo immer nur »Gardine« gespielt wird.

  Schaufenster einer Fahrschule in Essen 1983. Das Frauenbild lässt zu wünschen übrig. Mannsbilder bringen`s auf Anhieb, oder?

Schaufenster einer Fahrschule in Essen 1983. Das Frauenbild lässt zu wünschen übrig. Mannsbilder bringen`s auf Anhieb, oder?

Oder ich habe Fotos von lokalen Ereignissen Anzeigenblättern und Tageszeitungen angeboten, wie z.B. das Portrait von„Mister Pilswampe”, dem Gewinner des Sonderpreises der Wahl zum Mister Rüttenscheid.

  Der Gewinner des Sonderpreises »Mister Pilswampe« streckt stolz seinen prächtigen Vorbau in Richtung Publikum. Da kommt Neid auf, und ein Vorbild nimmt seinen Weg ins Ruhrpott-Bewusstsein.

Der Gewinner des Sonderpreises »Mister Pilswampe« streckt stolz seinen prächtigen Vorbau in Richtung Publikum. Da kommt Neid auf, und ein Vorbild nimmt seinen Weg ins Ruhrpott-Bewusstsein.

Aber auch Bilder unzähliger Demonstrationen und aktueller Themen. Vorrangig waren das die Themen des Strukturwandels im Ruhrgebiet.

 “ Rettet den Pütt” hat man sich auf die Fahne geschrieben. Bergbau-Krise und kein Ende. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Aber sie stirbt.

Rettet den Pütt” hat man sich auf die Fahne geschrieben. Bergbau-Krise und kein Ende. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Aber sie stirbt.

Krise bei Hoesch,

  »Stahlwerk jetzt, Stahlwerk jetzt« skandiert man bei der Demo der IG Metall vor Hoesch in Dortmund 1987. Angeblich lässt sich an diesem Standort nur noch mit Verlust produzieren. Für neue Anlagen fehlt das Geld.

»Stahlwerk jetzt, Stahlwerk jetzt« skandiert man bei der Demo der IG Metall vor Hoesch in Dortmund 1987. Angeblich lässt sich an diesem Standort nur noch mit Verlust produzieren. Für neue Anlagen fehlt das Geld.

und die Schließung des Krupp Werks in Rheinhausen.

  Krupp-Arbeiter aus Rheinhausen nach dem Sturm auf die Essener Villa Hügel am 9. Dezember 1987. Wo die Dynastie regierte, reagiert sie heute mit Arbeitsplatzverlust. Für Kruppianer war das wie Liebesentzug.

Krupp-Arbeiter aus Rheinhausen nach dem Sturm auf die Essener Villa Hügel am 9. Dezember 1987. Wo die Dynastie regierte, reagiert sie heute mit Arbeitsplatzverlust. Für Kruppianer war das wie Liebesentzug.

Vieles davon ist aus heutiger Sicht eher langweilig. Da sind die alltäglichen Szenen, die eigentlich nebenbei entstanden sind, viel schöner. Wenn ich abseits einer Demo etwas gesehen und festgehalten habe, ist das mittlerweile das viel interessantere Bild.“

  Dunkel ist sie, die Zukunft für Duisburg-Rheinhausen. Im Jahr 1987 wird die Schließung des Krupp’schen Hüttenwerks beschlossen. 160 Tage härtester Arbeitskampf folgten – vergeblich.

Dunkel ist sie, die Zukunft für Duisburg-Rheinhausen. Im Jahr 1987 wird die Schließung des Krupp’schen Hüttenwerks beschlossen. 160 Tage härtester Arbeitskampf folgten – vergeblich.

Und nicht zu vergessen die ständige Bedrohung durch die RAF!

  1983 »vorm ALDI«. Ein Sprayer mit Sympathien für die RAF, mit leichter Rechtschreibschwäche. Den einsamen Käufer irritiert das nicht. Er hat noch den Heimweg vor sich. Essen-Frohnhausen ist groß, besonders zu Fuß.

1983 »vorm ALDI«. Ein Sprayer mit Sympathien für die RAF, mit leichter Rechtschreibschwäche. Den einsamen Käufer irritiert das nicht. Er hat noch den Heimweg vor sich. Essen-Frohnhausen ist groß, besonders zu Fuß.

Ich hatte nur sehr wenige Aufträge. Einer war für eine Ausstellung im Rathaus Essen. Ein Porträt des Stadtteils Essen-Karnap.

  Im Garten in Essen-Karnap 1984. Wo die Welt noch heil ist. Wo stets linder Wind weht, die Seerosen unter dem Hintern erblühen und der Rasen schonend auf Steinplatten betreten wird. Der Rest der Welt steht im Printmedium.

Im Garten in Essen-Karnap 1984. Wo die Welt noch heil ist. Wo stets linder Wind weht, die Seerosen unter dem Hintern erblühen und der Rasen schonend auf Steinplatten betreten wird. Der Rest der Welt steht im Printmedium.

Das Titelbild dieser Austellung ist nun auch auf dem Titel des vorliegenden Buches.

  Baden verboten am Rhein-Herne Kanal 1984. Rechts Altenessen, hinten der Stinnes Hafen in Essen-Karnap. Ein Ort, wie gemacht für den Absprung. Und: Besser eine verbotene Erfrischung, als verschwitzt den Tag zu vertrödeln.

Baden verboten am Rhein-Herne Kanal 1984. Rechts Altenessen, hinten der Stinnes Hafen in Essen-Karnap. Ein Ort, wie gemacht für den Absprung. Und: Besser eine verbotene Erfrischung, als verschwitzt den Tag zu vertrödeln.

Ein Highlight zu dieser Zeit war für mich eine Titelgeschichte im Stern. Eine Reportage über Herrensitzungen beim Karneval.

  Herrenkarneval in Recklinghausen 1984. Kriechpolonaise. Am Fest des Fleisches dem festen Fleisch hinterher. Wenn der Vordermann eine Frau ist, und nicht die eigene, weiß der Mann von der Ruhr, wo er hingehört.

Herrenkarneval in Recklinghausen 1984. Kriechpolonaise. Am Fest des Fleisches dem festen Fleisch hinterher. Wenn der Vordermann eine Frau ist, und nicht die eigene, weiß der Mann von der Ruhr, wo er hingehört.

   Ein dynamisches Trio beim Herrenkarneval in der Mercatorhalle in Duisburg 1984. Die Stimmung spiegelt sich in den Gesichtern und in den Flaschen wider. Prostschon mal aufs nächste Jahr – mit derselben Dynamik.

Ein dynamisches Trio beim Herrenkarneval in der Mercatorhalle in Duisburg 1984. Die Stimmung spiegelt sich in den Gesichtern und in den Flaschen wider. Prostschon mal aufs nächste Jahr – mit derselben Dynamik.

Bevor ich den nächsten Schritt machte, das Ruhrgebiet verließ und anfing für die Nachrichtenagentur Reuters zu arbeiten, leitete ich ein Projekt mit arbeitslosen Jugendlichen in Essen-Katernberg. Im Zuge einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wurde eine Zeitung herausgegeben und wir zogen los und fotografierten das unmittelbare Lebensumfeld.

   Trinken im Wettbewerb in einer Kneipe in Essen-Katernberg 1988. Klar, wer schneller trinkt, ist eher voll. Als betrunken gilt nur, wer ohne Hilfe nicht mehr unter dem Tisch liegen kann.

Trinken im Wettbewerb in einer Kneipe in Essen-Katernberg 1988. Klar, wer schneller trinkt, ist eher voll. Als betrunken gilt nur, wer ohne Hilfe nicht mehr unter dem Tisch liegen kann.

   Ein Wettbewerber, leicht angeschlagen, auf dem Boden, aber nicht am Ende. Hilfe ist da und weiter geht’s. Komasaufen ist noch nicht erfunden, hier ist alles unter Kontrolle!

Ein Wettbewerber, leicht angeschlagen, auf dem Boden, aber nicht am Ende. Hilfe ist da und weiter geht’s. Komasaufen ist noch nicht erfunden, hier ist alles unter Kontrolle!

Die Achtziger waren so eine ‚Zwischen-Zeit’. Diese alten Ruhrgebiets Klischees, dass Wäsche auf der Leine schwarz wird und alle mit einem Brikett im Mund geboren werden, verschwanden und das neue Ruhrgebiet Profil musste sich erst entwickeln. Es war eine Zeit der Orientierungslosigkeit, aber das war genau die Situation in der viel Neues und Positives entstand. Das alte Gesicht war verloren und das neue noch nicht gefunden. Über Jahre haben die Werber des Ruhrgebiets versucht unter dem Motto: “Guckt doch, bei uns ist es auch schön grün und wir haben auch viele tolle Parks und Spielplätze” das Image des Ruhrgebiets aufzumöbeln. Immer wurde sich für's Ruhrgebiet geschämt und dabei völlig übersehen, dass das Ruhrgebiet eine einmalige Kulturlandschaft war und ist. Dass eine Zeche jetzt Weltkulturerbe ist, sagt ja alles. Und zu sagen: „So ist das hier und so ist das auch gut so“ oder eben „Woanders is auch Scheiße“ ist synonym für dieses neue Selbstbewusstsein.

Meine Bilder sind eine Liebeserklärung an das Ruhrgebiet und keine Abrechnung. Ich weiß, dass es völlig absurd klingt, aber dieses letzte Bild ist eines, bei dem ich wirklich sowas wie Heimweh bekomme. Und es ist sicher nicht weil es hier so schön ist, sondern weil es zeigt, dass es nicht darauf ankommt wie etwas ist, sondern was Leute daraus machen. Aber das versteht wahrscheinlich nur jemand, der im Ruhrgebiet aufgewachsen ist.

   Lärmschutzwand in Essen-Holsterhausen 1988. Wie man sieht, sieht man nichts vom »Ruhrschnellweg”«. Dahinter braust der Verkehr oder er steht. Der passende Spruch: »Nur, wenn ich keinen Stau seh`, bin ich am Stausee.«

Lärmschutzwand in Essen-Holsterhausen 1988. Wie man sieht, sieht man nichts vom »Ruhrschnellweg”«. Dahinter braust der Verkehr oder er steht. Der passende Spruch: »Nur, wenn ich keinen Stau seh`, bin ich am Stausee.«